Schönheit mit dem Skalpell - Enttabuisierung der ästhetischen Chirurgie

von Prof. Dr. Martin Büsing

Schönheitschirurgie heute

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe rotarische Freunde!

Das Thema Schönheitschirurgie oder Schönheitsmedizin, sei es mit oder ohne Skalpell beschäftigt Menschen und Medien in zunehmendem Umfang. Sei es in der Tagespresse, in Nachrichtenmagazinen, Illustrierten oder in Fernseh- oder Rundfunkberichten aller Art, niemand scheint an diesem offensichtlich bewegenden Thema vorbeizukommen.

Zur besten Sendezeit werden beinahe täglich voyeuristische Einblicke in das intime Leben von Menschen gewährt, deren offensichtliche Disharmonie von Körper, Geist und Seele durch einen operativen Eingriff korrigiert werden soll.

Schönheitschirurgie als Thema eines rotarischen Abends in Recklinghausen?

Warum nicht. Willkommen im Club!

Es wäre nun ein leichtes, filmerisch dokumentierte Kostproben zu präsentieren oder die beliebten Vorher/Nachher-Bilder zu zeigen, doch keine Sorge.

Es folgt nicht die Fortsetzung von "Schönheitsoperationen unter Palmen, Beauty-Urlaub oder von RTL-Explosiv mit Fettabsaugung im Hotelzimmer oder gar "the swan", bei der sich Schönheitssuchende in die Hände einer ganzen Schar von Chirurgen, Visagisten und Ausstattern begeben, um zum neuen Menschen zu werden, die Metamorphose vom "hässlichen Entlein zum Schwan" zu vollziehen.

Nicht ein einziges Bild soll daher meinen heutigen Vortrag begleiten. Für einen Chirurgen und gerade auch für mich damit eine völlig neue Erfahrung!

"Ausstrahlung, Jugendlichkeit und Natürlichkeit zurückzugewinnen, sind das heutige Ziel der modernen plastisch-ästhetischen Chirurgie", so das Credo einer spezialisierten Fachklinik. Aussehen und Ausstrahlung sind heute wichtiger denn je. "Wer mit seinem Erscheinungsbild zufrieden ist, strahlt dies auch aus: positiv, selbstbewusst und letztlich erfolgreich." So Dr. Popp, Leiter der Licca-Klinik für Ästhetische Chirurgie.

Die Realität hat oft ein anderes, bizarres Gesicht und selbst das schockierende Konterfei eines Michael Jackson ändert nichts daran, dass wir uns in einer Spirale befinden, in der aus dem Streben nach einem Schönheitsideal durch Vermarktung schönheitschirurgischer Leistungen und deren Versprechen in den Medien längst ein Schönheitswahn wurde, dem zunehmend immer mehr Jugendliche und Heranwachsende ausgesetzt sind.

Bundesärztekammer, chirurgische Fachverbände und Ministerien treten dieser Entwicklung zunehmend entgegen und fordern das Verbot von TV-Spektakeln mit Live-Operationen.

Doch zunächst zu den Fakten!

Mehr als 400.000 Schönheitsoperationen können pro Jahr in Deutschland angenommen werden. Es ist zudem mit einer großen Dunkelziffer zu rechnen, da keine Statistik für derartige Eingriffe vollständig ist und bestimmte Leistungen, wie z.B. Faltenunterspritzungen und die Anwendung sog. Fett-Weg-Spritzen, zum Teil in Laienhand selbständig erbracht werden.

Im "Länder-Ranking" schneidet Deutschland zwar besser ab als in der Pisa-Vergleichsstudie, liegt aber dennoch nur auf Platz 6 nach den USA, Mexiko, Brasilien, Japan und Spanien.

Mexiko, Brasilien..., ja haben die denn keine anderen Probleme?! Was wir vom Fußball her gewohnt sind, jetzt auch in Sachen Schönheitschirurgie? Ist die atemberaubende Schönheit brasilianischer Frauen letztlich auf das Skalpell, unterspritzte Lippe und Falten, silikonunterfütterte Busen und Porundungen oder muskelverschmälerten Waden zurückzuführen?

Allein in Sao Paulo sollen 4000 plastische Chirurgen tätig sein und neue Trends kreieren.

"Trendy Body", so der Kultbegriff.

Fettabsaugung, Faltenbehandlung, Gesichts-, Stirn- und Halslifts, Lidkorrekturen und Brustvergrößerungen stellen die beliebtesten Eingriffe in Deutschland dar.

Hinzu kommen die neuesten Trends aus Übersee, die in unserer globalisierten Welt nicht lange auf sich warten lassen.

Po- und Wadenimplantate und zur angeblich gegenseitigen Luststeigerung Vaginalstraffungen und "G-Punkt-Unterspritzungen".

So manches groteske mag da noch auf uns zukommen.

Doch: Hand auf's Herz, rotarische Freunde, wer von uns kann sich schon den Reizen eines makellosen weiblichen Körpers entziehen?!

Im Wettbewerb der Geschlechter macht die Schönheitschiurgie keinen Unterschied. Eingriffe bei Männern werden in zunehmendem Umfang durchgeführt und machen mittlerweile etwa 25 % der Operationen in Deutschland aus.

Im Trend liegen vor allem Fettabsaugungen im Bereich männlicher Problemzonen, Anwesende selbstverständlich ausgenommen, als da wären Bauch, Brust und Flanken, der sogenannten Prinzenrolle oder Neudeutsch auch "Love-Handles" genannt.

Auch das erstrebenswerte "Sixpack" oder die Waden eines Brad Pitt rücken für jedermann in erreichbare Nähe ohne schweißtreibendes Training, dank entsprechender Silikonimplantate ist alles möglich.

Doch Vorsicht meine Damen! Was im Film geboten wird, ist oft retuschiert oder gar gedoubelt, so wie die Waden von Brad Pitt als Achill im Film Troya geschehen.

Schönheit

Ich bin schön, also bin ich. Schön und erfolgreich. Schön und gesund. Doch was ist Schönheit?

Sich dem Begriff der Schönheit zu nähern, ist ein wahrhaft schwieriges Unterfangen. Jeder weiß, was das ist: Schönheit. Aber wer könnte sie in Worte fassen, definieren, beschreiben?

Harmonische Ausgewogenheit in der Malerei und Fotografie durch den goldenen Schnitt, Wohlproportioniertheit und Symmetrie eines menschlichen Körpers, aber auch die Eleganz einer mathematischen und philosophischen Theorie - das alles wird als schön empfunden.

Dem abstrakten Begriff der Schönheit widmet sich eine eigene philosophische Disziplin: die Ästhetik. Was schön ist, lässt sich nämlich nicht einfach definieren, denn das Urteil kommt ja nicht rational sondern emotional zustande.

Das Empfinden des Schönen wird geprägt durch gesellschaftliche Konventionen und hat sich mithin im Laufe der Jahrhunderte einerseit stark gewandelt, andererseits gelten manche Idealvorstellungen bis heute.

Ich zitiere verkürzt aus Platons Hippias: "Das Schöne ist in allem enthalten, eben durch die Präsenz der Idee des Schönen in jedem Ding. So ist es möglich, unter den Affen den Schönsten ausfindig zu machen, und dieser wäre dann auch der Schönste - allerdings nur unter seinesgleichen. Vergliche man ihn mit einem Menschen, so verflöge seine Schönheit und er könnte nicht mehr als schön angesehen werden. Genauso verhält es sich mit den Menschen im Vergleich zu den Göttern. Die Schlussfolgerung, die Plato daraus zieht, ist: "[...] dass das, was für jeden Gegenstand passt, ihn schön macht." Nur durch das in seinem Inneren passende kann ein Ding schön sein. Das Passende ist schön.

Also doch innere Schönheit?

Der Wunsch nach Schönheit und anhaltender Jugend ist so alt wie die Menschheit selbst. Doch anders als Cleopatra können wir uns heute der ästhetischen Chirurgie bedienen, die sich seit den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer eigenständigen Disziplin entwickelt hat. Blieben solche Eingriffe anfangs vornehmlich den oberen Zehntausend vorbehalten, kann heute fast jeder solche Leistungen in Anspruch nehmen und es geschieht wie erwähnt in großem Umfang.

Finanzierung und Ratenzahlung, Schnäppchenpreise, Sonderangebote, oft im östlichen Ausland mit Transferleistung ab Berlin, All inclusive, allerdings ohne Gewährleistung.

Medizinische Leistung, ärztliche Heilkunst oder gewerbliche Tätigkeit? Womit haben wir es zu tun? Angesichts der Nachfrage und der Flut an Anbietern, dem Konkurrenzdruck und der damit verbundenen notwendigen Werbung hat der Gesetzgeber und seine Finanzbehörden sich Anfang 2003 klar geäußert: "Ästhetisch-chirurgische Leistungen sind generell medizinisch nicht indiziert und daher gewerbsmäßige Leistungen und folgerichtig gewerbesteuerpflichtig."

Schön und gesund

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits 1946 wie folgt definiert: "Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen".

Sind wir etwa alle krank?

Fast alle normalen Prozesse des Lebens wie Geburt, Sexualität, Alter, Nicht-Glücklichsein lassen Defizite erkennen, doch besitzen sie damit krankhaften Wert?

Die Gesundheit des Menschen wurde uns von der Industrie und den Medien neu definiert als ein Zustand, den keiner mehr erreichen kann. "Also verhalten wir Ärzte uns anders als früher", so Prof. Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer. "Einzig das Individuum entscheidet, ob es sich krank fühlt oder nicht."

Sind Eingriffe der ästhetischen Chirurgie mit dem Berufsethos vereinbar?

Mein früherer Tübinger Lehrer, Prof. Koslowski, formulierte wie folgt: "Das Grundproblem des chirurgischen Ethos lässt sich in einem Satz formulieren: Der Chirurg trifft Entscheidungen und nimmt Handlungen vor, deren Risiko der Patient trägt."

Vier Maximen, also Handlungsgrundsätze sind für ärztliche Entscheidungen aufgestellt worden.

Mir scheint, dass die erste Maxime "Primum non nocere - vor allem nicht schaden" für den Chirurgen und damit auch für den ästhetischen Chirurgen die wichtigste Maxime ist.

Der auf dem Gebiet der ästhetischen Chirurgie tätige Chirurg erwirbt sich den guten Ruf durch die Patienten, die er nicht operiert.